Hand in Hand

Als Jugendliche habe ich sehr gerne Hände gezeichnet, sie haben immer eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt. In einem Artikel von Byung-Chul Han, einem zeitgenössischen Philosophen, habe ich gerade heute Folgendes gelesen:

Schon vor der Pandemie lebten wir in einer Gesellschaft ohne Berührung.

Die digitale Kommunikation ist eine Kommunikation ohne Berührung, ohne Blick und Körper, ja ohne Stimme, ohne Anrufung. In den permanenten Zoom-Meetings fristet der Andere ein gespenstisches Dasein ohne Blick und Körper. Wenn der Andere verschwindet, bin ich auf mich selbst zurückgeworfen und ich entwickle mich immer mehr in mein Ego. […]

Körperliche Berührungen sind wesentlich für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Es ist die Hand, der Händedruck, der das Vertrauen stiftet.

Han, Byung-Chul, Über den Händedruck, in: Philosophie Magazin Nr.03/2022, S.60-61.

Han geht in seinem Text noch weiter darauf ein, wie bereits in den vergangenen Jahren und insbesondere auch aktuell, eine zunehmende Entfremdung stattgefunden hat, eine Entfremdung von den Anderen – und damit letztlich auch eine Entfremdung von sich selbst. Eine Entfremdung zugunsten von Effizienz: Steigerung der wirtschaftlichen Leistung, Optimierung des eigenen Erscheinungsbilds, ein perfektes Familienleben, …

Digitalisierung ist an sich nicht schlecht, auch wenn der Text von Han das nahelegen mag. Die Art und Weise, damit umzugehen, kann ’schlecht‘ oder ‚gut‘ sein. Die von ihm genannten Punkte sind allerdings tatsächlich auffällig. Deshalb:

Was bedeutet es, dem Anderen die Hand zu reichen? Was heißt Berührung? Die Haut ist unser größtes Organ. Sie bildet Grenzen ab, gibt Konturen, reagiert auf unsere Gefühle und auf unsere Umwelt, und so ist sie nach der TCM auch dem Metall zugeordnet. Der Tastsinn geht damit einher: Berühren heißt, etwas oder jemanden anzufassen, tastend wahrzunehmen. Und gleichzeitig ist „berühren“ nicht nur physisch. Eine Geschichte oder ein Lächeln können uns im Herzen berühren. Berührung kann genauso feinstofflich sein.

Im Shiatsu steht die Berührung im Zentrum, und damit das Wahrnehmen des Anderen und das Eingehen auf den Anderen – und interessanterweise genau dann löst sich die Berührung in dem Sinne auf, dass sie nicht weiter eine Brücke zwischen verschiedenen, separierten Individuen ist. Aktive Zen-Praxis.

We should practice so that we can see Muslims as Hindus and Hindus as Muslims. […] We should practice until we can see that each person is us, that we are not separate from others. This will greatly reduce our suffering. We are like the cookies, thinking we are separate and opposing each other, when actually we are all of the same reality. We are what we perceive. This is the teaching of the non self, the interbeing.

Nhat Hanh, Thich, The Heart of the Buddha’s teaching, S.135

Thich Nhat Hanh bezieht sich hier mit den Keksen übrigens auf ein Beispiel, das er vorher im Text erwähnt hatte: ein Keksteig, viele Kekse.

Für mich gehen so Shiatsu und Meditation immer Hand in Hand.

Veröffentlicht von

Katja

Floating water does not decay.

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