Die Kraft der Stille

Stille ist etwas, das ich durch die Meditation und auch noch einmal durch das Shiatsu neu kennen gelernt habe. Das Schweigen bei den Meditationen im Zen habe ich damals, als ich es kennenlernte, unglaublich genossen. Meinen ersten bewussten Kontakt mit einer Form der Meditation hatte ich mit einer angeleiteten Meditation. Wenn ich für mich selbst meditierte, ließ ich Anleitungen immer weg – sobald wir aber in der Gruppe meditierten, wurde die Meditation sehr ausführlich angeleitet. Vielleicht waren zwischendurch immer mal wieder 30 Sekunden Sprechpause des Anleiters, aber für gewöhnlich war die Stimme immer als Leitfaden da. Zen-Meditation, das Sitzen in Vergessenheit und Stille, Schweigen in der Gruppe, der Sangha – das habe ich im Vergleich als Befreiungsschlag erlebt. Sitzen. Da-Sein. Die Gedanken ziehen vorüber, bis sie sich auflösen und der Lärm des Alltags versiegt. Das Eintauchen in sich selbst.

Die Reichhaltigkeit der Stille. Das Lebensspendende.

Im Shiatsu schätze ich die Berührung aus der Stille heraus. Es geht unter anderem darum, zur Ruhe zu kommen und aus dieser Ruhe heraus wieder Bewegung entstehen zu lassen.

Die Füße, die uns tragen

Im Shiatsu arbeite ich gerne mit den Füßen. Den ganzen Tag stehen und gehen wir auf ihnen, verpacken sie in Schuhe, schnüren sie ab und übersehen sie meistens, wenn es darum geht, den Körper zu dehnen oder zu entspannen. Das erste Mal, als mir das richtig bewusst geworden ist, habe ich gerade Yoga gemacht, barfuß auf der Matte, und kam in eine Asana, in der ich guten Blick auf meine Füße hatte. Aber auch in anderen Situationen, wie zum Beispiel beim BJJ, habe ich gemerkt, wie man die Perspektive auf die eigenen Füße (und die der anderen 😉 ) ändern kann. Und wenn es nur heißt, den Körper mal vom Fuß aus zu betrachten oder zu merken, wo und wie man läuft, was es heißt, hier zu laufen, jetzt, oder einmal die Füße hochzulegen.

Eine klassische Shiatsumassage findet am bekleideten Körper statt, das heißt, auch die Füße sind angenehm in Socken eingehüllt. In unseren Füßen enden und beginnen mehrere der zwölf Hauptmeridiane, der Jing Mai: Niere und Blase, Leber und Gallenblase, Magen und Milz; und ebenso Reflexzonen finden sich hier. Deshalb ist es, je nach Behandlung, ganz wunderbar, den Füßen ein gewisses Extra an Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Gerade die sanften Anwendungen im Shiatsu wirken so stärkend, vitalisierend und wohltuend, von den Füßen aufwärts. Probiert es gerne einmal aus!

Was ist eigentlich ‚Shiatsu‘?

Shiatsu, wörtlich „Fingerdruck“, ist eine Form der Massage, die sich an den Meridianen orientiert, und der Akupressur. Sie stammt aus der jahrtausendealten östlichen Heiltradition. Ziel einer Shiatsu-Behandlung ist es, den Qi-Haushalt des Behandelten (wieder) in Fluss und in Balance zu bringen. Dadurch werden die Selbstheilungskräfte des Behandelten aktiviert, sodass Shiatsu der Gesundung, der Gesundheitsförderung, aber ebenso schlichtweg dem allgemeinen Wohlbefinden und der Ausgeglichenheit dient, also der Lebenspflege.

Qi, im Japanischen „Ki“ genannt, wird (grob) mit „Lebensenergie“ oder „Vitalkraft“ übersetzt.

Wir können sagen, daß alles im Universum – sei es organisch oder anorganisch – aus Qi zusammengesetzt und durch sein Qi definiert ist.

Kaptchuk, Ted, Das große Buch der chinesischen Medizin. Die Medizin von Yin und Yang in Theorie und Praxis, Bern; München; Wien: Barth 1993, S.46

Qi selbst zu spüren, lässt sich beispielsweise durch Bewegungskünste wie Qi Gong oder Taiji Quan trainieren, und kann verschiedene Qualitäten haben: Hitze, Kälte, Schwere, Leichtigkeit, Kribbeln, u.v.m.

Shiatsu tritt auch in der Weise auf, dass es ohne Berührung oder zumindest bloß mit minimalem körperlichen Kontakt ausgeführt wird. Hierbei geht es um Qi-Übertragung vom Geber auf den Empfänger und um das Lenken des Qi durch den Geber. Dieses Shiatsu führen Praktiker aus, die ihre Fähigkeiten sehr verfeinert haben.

Shiatsu ist für jeden geeignet, der sich etwas Gutes tun möchte 🙂 Bei Interesse und weiteren Fragen, schreibt mich gerne an – über das Kontaktformular, die E-Mail-Adresse oder – demnächst neu – die angegebene Telefonnummer. Ich melde mich dann bei euch! Habt ein schönes Wochenende, liebe Grüße von Katja

Fließendes Wasser

Die innere Ruhe

Manchmal ist es bei weitem nicht einfach, die innere Ruhe zu bewahren. Es sagt sich immer so leicht, und wenn alles „gut“ läuft, dann setzt sich das auch einfach um. Interessant wird es ja erst, wenn nicht alles „rund“ läuft – was genau das wiederum auch heißen mag. Da fängt das Gedankenspiel ja bereits an. Wer sagt denn, wie es zu laufen hat?

Ich hatte gestern und heute ein Formatierungsproblem. Ein Text, den ich bearbeiten wollte, ließ sich nicht bearbeiten; wir haben es wirklich versucht, aber es ließ nicht einrichten. Schließlich habe ich die Arbeit an dem Text eingestellt, was völlig ok ist. Das Ergebnis ist eigentlich mehr oder weniger unwichtig, der Weg dahin ist das Entscheidende. Sich dabei zu beobachten, wie man reagiert – ist man frustriert, genervt, wütend – von den Kollegen, von der Arbeit, von der Familie – von sich? Oder lächelt man und atmet ruhig? In dem Wissen, dass es sowieso vergänglich ist und demnächst das Ganze schon wieder ganz anders aussieht?

So heißt es im I Ging:

51. Dschen / Das Erregende
(Das Erschüttern, der Donner)

Das Erschüttern bringt Gelingen.
Das Erschüttern kommt: Hu, Hu!
Lachende Worte: Ha, Ha!
Das Erschüttern erschreckt hundert Meilen,
und er läßt nicht den Opferlöffel und Kelch fallen.

I Ging. Das Buch der Wandlungen, S.189
Blitz und Donner

Hier geht es darum, trotz erschütternder äußerer Umstände den inneren Gleichmut zu bewahren, das innere Lächeln aufrecht zu erhalten. Die innere Kultivierung ist hierzu der Schlüssel. Hohe Künste wie Kung Fu, Taiji Quan, Qi Gong oder Meditation schulen ebendies und sind Wege der inneren Kultivierung.

Davon gehe ich auch in der Shiatsu-Anwendung aus: Es ist die innere Haltung, die zentral ist. Beim Shiatsu ist für mich nicht wichtig, wie ein Mensch ist, ob groß, klein, schwer, leicht. Ob Winter oder Frühling ist, ob Musik läuft oder nicht. Ob Kind, ob Erwachsener. Das macht das So-Sein-Dürfen aus, so sein zu dürfen, wie man ist, wenn man zum Shiatsu geht.

Und so hat das Aprilwetter heute auch entschieden: Nach all den warmen Sonnentagen, fängt es gerade wieder an zu schneien.

Hand in Hand

Als Jugendliche habe ich sehr gerne Hände gezeichnet, sie haben immer eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt. In einem Artikel von Byung-Chul Han, einem zeitgenössischen Philosophen, habe ich gerade heute Folgendes gelesen:

Schon vor der Pandemie lebten wir in einer Gesellschaft ohne Berührung.

Die digitale Kommunikation ist eine Kommunikation ohne Berührung, ohne Blick und Körper, ja ohne Stimme, ohne Anrufung. In den permanenten Zoom-Meetings fristet der Andere ein gespenstisches Dasein ohne Blick und Körper. Wenn der Andere verschwindet, bin ich auf mich selbst zurückgeworfen und ich entwickle mich immer mehr in mein Ego. […]

Körperliche Berührungen sind wesentlich für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Es ist die Hand, der Händedruck, der das Vertrauen stiftet.

Han, Byung-Chul, Über den Händedruck, in: Philosophie Magazin Nr.03/2022, S.60-61.

Han geht in seinem Text noch weiter darauf ein, wie bereits in den vergangenen Jahren und insbesondere auch aktuell, eine zunehmende Entfremdung stattgefunden hat, eine Entfremdung von den Anderen – und damit letztlich auch eine Entfremdung von sich selbst. Eine Entfremdung zugunsten von Effizienz: Steigerung der wirtschaftlichen Leistung, Optimierung des eigenen Erscheinungsbilds, ein perfektes Familienleben, …

Digitalisierung ist an sich nicht schlecht, auch wenn der Text von Han das nahelegen mag. Die Art und Weise, damit umzugehen, kann ’schlecht‘ oder ‚gut‘ sein. Die von ihm genannten Punkte sind allerdings tatsächlich auffällig. Deshalb:

Was bedeutet es, dem Anderen die Hand zu reichen? Was heißt Berührung? Die Haut ist unser größtes Organ. Sie bildet Grenzen ab, gibt Konturen, reagiert auf unsere Gefühle und auf unsere Umwelt, und so ist sie nach der TCM auch dem Metall zugeordnet. Der Tastsinn geht damit einher: Berühren heißt, etwas oder jemanden anzufassen, tastend wahrzunehmen. Und gleichzeitig ist „berühren“ nicht nur physisch. Eine Geschichte oder ein Lächeln können uns im Herzen berühren. Berührung kann genauso feinstofflich sein.

Im Shiatsu steht die Berührung im Zentrum, und damit das Wahrnehmen des Anderen und das Eingehen auf den Anderen – und interessanterweise genau dann löst sich die Berührung in dem Sinne auf, dass sie nicht weiter eine Brücke zwischen verschiedenen, separierten Individuen ist. Aktive Zen-Praxis.

We should practice so that we can see Muslims as Hindus and Hindus as Muslims. […] We should practice until we can see that each person is us, that we are not separate from others. This will greatly reduce our suffering. We are like the cookies, thinking we are separate and opposing each other, when actually we are all of the same reality. We are what we perceive. This is the teaching of the non self, the interbeing.

Nhat Hanh, Thich, The Heart of the Buddha’s teaching, S.135

Thich Nhat Hanh bezieht sich hier mit den Keksen übrigens auf ein Beispiel, das er vorher im Text erwähnt hatte: ein Keksteig, viele Kekse.

Für mich gehen so Shiatsu und Meditation immer Hand in Hand.

Die Hara-Diagnose

Im Shiatsu werden verschiedene Diagnoseverfahren angewendet, um die individuell angepasste Anwendung herauszukristallisieren. Eines hiervon ist die Hara-Diagnose.

Durch die Hara-Diagnose kann der Shiatsu-Praktiker den energetischen Zustand seines Klienten erfassen. Das Hara ist das Energiefeld, das sich im Bereich des Abdomens befindet. So liegt es zwischen dem unteren Dantien (oder jap. tanden) und dem mittleren Dantien. Kampfkünstler und Qi Gong-Praktizierende kennen sich hier aus!

Das Hara ist in zwölf Zonen eingeteilt, die den zwölf Hauptmeridianen, den Jing Mai, entsprechen. Indem der Shiatsu-Praktiker die Zonen abtastet, stellt er fest, wie die Energieverteilung ist: Welche Zonen fühlen sich ausgeglichen an, welche sind im ‚Jitsu‘ (Fülle) und welche sind im ‚Kyo‘ (Leere)?

Sanft wie ein fallendes Blatt landet die Hand des Praktikers auf dem Hara.

Hierbei geht es nicht um das physische Abtasten der Organe – so liegt beispielsweise die Gallenblasen-Zone nicht dort, wo sich die Gallenblase anatomisch befindet –, sondern um das energetische Erfassen der Funktionskreise. Die Hara-Diagnose komplettiert somit die Diagnose insgesamt und ist letztlich ausschlaggebend für die Behandlung!

Die Hara-Diagnose gibt so ein Abbild unserer „Energie-Landschaft“ und zeichnet das Shiatsu gerade in Abgrenzung zu anderen Formen der Massage und Körperarbeit aus.

Derart ist es mir möglich, beim Shiatsu auf tagesaktuelle Energieverteilungen einzugehen und diese in den Fluss der Behandlung zu integrieren. Lassen Sie sich gerne überzeugen!

Zur „Energie-Landschaft“. Makrokosmos-Mikrokosmos-Verhältnis.

Shiatsu und Zen

Wie hängen Zen-Meditation (bzw. Chan-Meditation) und Shiatsu zusammen?

Es sind gerade die Einfachheit, Klarheit und Direktheit des Zen, die mit dem Shiatsu harmonieren. Das Sein im Moment hebt die Abgrenzung zum anderen hin auf: Die Grenze zwischen mir und dem Klienten ist da und auch nicht da. Die intellektuelle Wahrnehmung formt unsere Welt stark und darüber vergessen und verkennen wir oft, dass sie derart illusorisch ist.

Für mich bedeutet Zen in diesem Zusammenhang auch, der Intuition zu folgen und damit dem Fluss des Qi – und diesem zu vertrauen.

Ein Eisvogel am Fluss, winterlich.

Ebenso sind die körperliche Haltung des Praktikers und die Handgriffe im Shiatsu einfach, direkt und klar: aufrecht ist die Position des Praktikers und klar der Geist. Die Arbeit und Bewegungen aus dem eigenen Dantien bzw. Hara heraus erden den Praktiker zum einen, und zum anderen machen sie ihn gewahr für die eigene Position, körperlich, energetisch und geistig. Letztlich ist Shiatsu ein Miteinanderfließen, wobei der Praktiker den Klienten führt und sich dabei von dessen Energie leiten lässt.

Die Lotusblume (oder auch: Lotos), wie sie im Beitragsbild zu sehen ist, hat übrigens eine faszinierende Fähigkeit: Ihre Blätter sind flüssigkeitsabweisend und bleiben dadurch stets sauber. Weder Pilze noch Schmutz können sich auf ihnen absetzen. Diese Eigenschaft macht den Lotus unter anderem zur Blume der Reinheit und Erleuchtung. Als Symbol kommt er in vielen verschiedenen Kulturen und Religionen vor, ganz bekannt im Hinduismus, Buddhismus und Daoismus, aber beispielsweise auch im Islam.

Mahakashyapa gilt als einer der bedeutenden Schüler Gautama Buddhas und ist der erste indische Patriarch des Zen-Buddhismus. Die Geschichte seiner Erleuchtung ist, meines Erachtens, eine der schönsten Geschichten Buddhas: die Blumenpredigt

Passend zum nahenden Frühling, wenn bald die Natur ergrünt und die Knospen allerorts aufblühen.

Lotusblumenknospen

Von den Ursprüngen des Shiatsu

„Shiatsu“ ist eine moderne japanische Bezeichnung für eine Anwendungsform, die weit in die Geschichte zurückreicht. Von der Akupunktur weiß man, dass sie bereits vor 4000 bis 6000 Jahren mittels Steinnadeln praktiziert worden ist. Man nimmt an, dass Massage noch früher angewendet wurde, da sie dem Menschen zur Heilung intuitiv zugänglich ist.

China, das Reich der Mitte

Shiatsu geht auf alte chinesische Techniken zurück, Daoyin und Tuina Anmo.

Daoyin (oder japanisch: Do-In) ähnelt Yoga, Tuina Anmo (japanisch: Anma) lässt sich mit westlicher Massage vergleichen.

Das chinesische medizinische Wissen, der Daoismus und auch der Buddhismus sind etwa im 10. Jh. n.Chr. nach Japan gekommen.

Sakura, die Kirschblüte, markiert den Beginn des Frühlings im japanischen Kalender.

Traditionell war Anma in Japan ein Blindenberuf, da es einen besonders ausgeprägten Tastsinn erfordere. Das ist mittlerweile nicht mehr so. Das heutige Shiatsu ist eine relativ junge Kunst, aus dem 20. Jahrhundert stammend, die sich auf ihre therapeutischen Ursprünge zurückbesinnt – in Abgrenzung zu Anma, das vielfach nur zur Erholung und Entspannung, sozusagen als „Wellness“ angewendet wird. 

Um die Wirkweisen von Shiatsu in der Tiefe zu verstehen und die Massage entsprechend richtig zu praktizieren, nicht als bloße Mechanik, braucht es die Auseinandersetzung mit dem Daoismus.

Es sind gerade das Zusammenspiel der Kulturen und das alte Wissen um die Wirkweise von Berührung sowie Lebensart – insbesondere im Kontrast zu unserer heutigen schnelllebigen und zunehmend digitalisierten Gesellschaft –, die mich immerzu faszinieren.